Reunion Party


SUBWAY REUNION – Pumpe, Kiel – 27. Mai 2011

Wer sich erinnern kann, war nicht dabei.

Es ist ein griffiges Credo alkohol-, drogen- oder was-auch-immer-schwangerer Nostalgie, das den Partyalarm der jungen Jahre konterkarieren soll. Dass dieser Satz mehr Schönheit als Wahrheit birgt, zeigte sich vor Monaten als ein gewisser Timur „Don“ Erdal auf Facebook eine Gruppe mit dem Namen „Wir haben das SUBWAY in der Bergstraße in Kiel überlebt.“ ins Leben rief.

Binnen Tagen zog die Seite Freunde an wie das Licht die sprichwörtlichen Motten. Und diese Freunde waren ebenso sicher dabei wie sie sich an ihre Abenteuer im „Independent Music-Club“ Subway erinnern konnten: An Haarschnitte und Getränkepreise, Abstürze und Aufrisse, Bands und Bons, an legendäre K.O.T.-Abende, die weniger mit Fäkalien als vielmehr dem Dreigestirn hochprozentigen Genusses zu tun hatten – Korn, Ouzo, Tequila, an legendären Dienstagen hektoliterweise ausgeschenkt. Sie erinnerten sich an Konzerte von Die Rote Laterne, New Eminence, Cassandra Complex oder Cat Rapes Dog und vor allem an Songs, die in „Kiels bester Disco aller Zeiten“, gespielt wurden:

Von DAF und Die Erde, von den Violent Femmes und Element of Crime, Abwärts und Philip Boa, Front 242, Sisters of Mercy, Stone Roses, Inspiral Carpets, Primus, Chameleons,The Cure, Alien Sex Fiend, Godfathers, Hüsker, Jesus & Mary Chain und, und, und…

Rückblende:
Im Oktober 1987 wechselte Willy Möller vom sicheren EDV-Job in den etwas loser getakteten Gastrobereich. Als Wirt übernahm er das „Damper“ in der Damperhofstraße und machte aus der betulich-gemütlichen Bartträgerpinte eine ernstzunehmende Indie-Alternative. „Subway“ hieß das Baby fortan und das kreischte so laut und bis in umliegende Häuser vernehmlich, dass dem Ärger mit den Nachbarn der Umzug ins adäquatere Quartier folgte. Im Juni 1988 öffnete der Club in der Kieler Bergstraße seine Pforten. Der Beginn verflixt unterhaltsamer sieben Jahre.

Schaut man auf das Zeitraster der Popgeschichte, dann nahm der Club in seiner Schaffensperiode jede Menge prägende Trends wahr, mit und auf: Brit-Rave und Grunge, Gothic und Britpop, Jungle und Electro – das waren die Klangachsen, an denen sich Kiels Indiekids jener Jahre in den tiefen Untiefen entlanghangelten. „Touch me, I‘m Sick“ etwa, das Proto-Grungefanal der Seattle-Band Mudhoney, wurde am Abend des Erscheinungstages satte fünfmal im Subway gespielt. Radio-Legende John Peel, selbst ein Freund des multiplen Airplays, hätte seine Freude gehabt. Es folgten Nirvana, Soundgarden und Pearl Jam. Crossover, Psychobilly, Dark Wave, EBM, Jungle und Drum`n Bass – Engstirnigkeit konnte man dieser Szene, die keine war und dabei im Rückspiegel der Geschichte doch so geschlossen erscheint, nicht vorwerfen. Substream hieß der Soundkanal qua Eigendefinition, „No Mainstream“ das ausformulierte Credo. Dass diese Grenzen spätestens nach „Smells like Teen Spirit“ aufweichen und verschwimmen – sei es drum.

Dennoch mussten thematisch Geschmacksgrenzen gezogen werden: Zu groß wurde das Frustpotential etwa für jene „Grufties“, die sich beim Gang zum DJ schon aus drei Metern Entfernung ein harsches „Keine Cure, keine Sisters, kein Alien Sex Fiend“ anhören mussten. Und die Segmentierung funktionierte: DJs wie Soundterror Steve (heute Blitz Records), Betty B., Ricardo Koch, Philip Meier-Kroll und Ingo Scheel (heute Journalist und Armstrong-Sänger) setzten stilistische Akzente, Tresen-Tycoons wie Catharina, Maren und Go (heute The Hanging Garden) führten das Ruder ebenso kompetent wie charmant, dazu gab es Themenabende, Filmvorführungen, Retrospektiven über die Größen der 60er Jahre, alles unterfüttert von Ratsherren Pils, Kurzen jeglicher Couleur und – es herrschten noch selige Zeiten für Raucher – Filterdippen und Selbstgedrehten.

Selbst in Sportbereiche drang der Einflußkreis des Subways vor. Gleichsam einer Underground-Ausgabe von Roman Abramowitsch inspirierte Möller die Fußballer unter seinen Gästen zur geschlossenen Mannschaftsleistung: Der LFC Subway, die „Roten Teufel“, stiegen um die Dekadenwende in den Kieler Kneipenfußball-Circuit ein. Der Start geriet holprig, aber das Team fand sich schließlich. Kicker-Größen wie Lutz Lück (heute Blauer Engel), Andreas Butzlaff, Soundterror Steve alias Stefan Löck alias die Löckomotive, Dr. Peter Kunter, um nur einige zu nennen, machten aus dem anfänglichen Außenseiter eines der besten Freizeitteams der Landeshauptstadt. Es folgten Meistertitel, Turniersiege und Pokale, deren Erringen mit rauschenden Ballnächten in den Katakomben des Clubs gefeiert wurden.

Mitte der 90er Jahre findet die Geschichte ihr Ende, im August 1995 schließt der Club. Nicht nur die Szenen, auch die Crew und vor allem die Konkurrenz hatten sich verändert. Willy Möller dimmt das Schwarzlicht, bis es erlöscht, führt zunächst das Index, später das Marble Arch weiter.

Aufblende:
Fünfzehn Jahre danach ist es eine Webgroup, die einen erneuten Hype um das Subway auslöst. Sind es zunächst lediglich Songs und Storys, die auf „Wir haben das SUBWAY in der Bergstraße in Kiel überlebt.“ die Runde machen, wird alsbald ein mögliches Revival diskutiert. Es dauert nicht lange, bis das Facebook-Flüstern auch die wachen Ohren von Möllers Willy erreicht. Und der Boden, auf den die Idee fällt, ist mehr als bereitet, trug sich doch der Clubmacher selbst schon seit längerem mit dem Gedanken, den legendären „Independent Music Club“ mit einer opulenten Clubnacht noch einmal zu Ehren kommen zu lassen. Das Ganze nahm Gestalt an, die einstigen DJs wurden kontaktiert, erste Planungen starteten – jetzt steht der Termin:

Am 27. Mai 2011 erstrahlt die Pumpe in neuem, altem Glanz – im Saal, in der Bar und im Roten Salon lebt Kiels einstige Legende, das SUBWAY, noch einmal auf: Mit den Sounds, den DJs, den Songs, neuen und, nun ja, alten Gästen, die das SUBWAY er- und überlebt haben.

Wer sich erinnern kann, wird dabei sein.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.